Das dreißigste Jahr

Wenn er in sein dreißigstes Jahr geht und der Winter kommt, wenn eine Eisklammer November und Dezember zusammenhält und sein Herz frostet, schläft er ein über seinen Qualen.
Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr[1]

Mein Kollege wird in diesem Monat 30. Ich habe ihm versprochen, an seinem Geburtstag mit den spätadoleszenten Boomer-Witzen über sein junges Alter für immer aufzuhören. Inzwischen nerven diese („Was, du weißt wirklich, wer Michael Jackson war? Uhuhaahaha!“) nicht nur ihn, sondern auch mich.  Umgekehrt fällt mir seit einigen Jahren immer öfter ein, was ich einem Freund einst über einen gemeinsamen Bekannten gesagt hatte: „Ach, der! Er ist doch alt, er ist schon 30!“ Ich selbst war damals noch 19, glaube ich.

Heute, in meinem 60. Lebensjahr, das der Pandemie wegen nicht groß gefeiert werden konnte, denke ich an meinen Dreißiger zurück und finde (Versprechen hin oder her), es war wirklich noch ein sehr junges Alter. Aus Boomer-Sicht freilich. Damals hingegen kam ich mir uralt und verbraucht vor. Vieles ist aus, dachte ich an der Wende zu meinem dreißigsten Jahr, vieles geht ab jetzt nicht mehr. Dabei war es nur die Gratis-Entlehnung von Büchern in der Städtischen Bücherei, die von Alters wegen nicht mehr ging. Interrail war sowieso mit 26 passé gewesen, und ich hatte auch davor keinen Gebrauch davon gemacht. Sonst stand mir die ganze Welt noch offen wie ein Würstelstand. Aber sie fühlte sich für mich damals so geschlossen an wie eine Trafik.

Die Initiative Minderheiten wurde heuer 30. Das ist der eigentliche Grund dieses Grübelns. Es ist schon sonderbar. Wenn man in eine Sache fast von Anfang an verstrickt ist, betrifft das Älterwerden der Sache auch eine*n selbst. „Wie bin ich alt geworden gemeinsam mit der Sache!“, klagt man. „Wie jung ich damals war!“

Das ist wohl die Kernidee hinter der Kampagne, die heuer auf IM BLOG, dem Weblog der Initiative Minderheiten, sowie im vorliegenden Heft geführt wird. Mit der Organisation verbundene Personen erzählen, was sie vor 30 Jahren getan haben und wie es ihnen heute mit den „Issues“ der Organisation so geht. Da mich indes niemand danach gefragt hat, erzähle ich es hier in meiner Kolumne. Und weil ich nicht mit Kindheits- oder Pubertätsfotos dienen kann (ich war vor dreißig Jahren eben ein verbrauchter Dreißigjähriger) und die Zeit nicht zurückzudrehen ist, drehe ich sie eben vor. Es folgt eine improvisierte Vorschau.

Wir schreiben das Jahr 2051. Ich bin bereits 90, die Initiative (wie mein witzgeprüfter Millenial-Kollege auch) ganz schön 60. Sebastian Kurz regiert schon wieder und ist selbst kein Jüngling mehr. Die Grünen sind weiterhin die kleine Koalitionspartei. So klein, dass sie außer für das Umweltressort keine Minister*innen mehr stellen darf, aber eben um jeden Preis Türkis-Blau verhindern will, obwohl es inzwischen keine blaue Partei mehr gibt. Die Türkisen haben schon Themen, Slogans und Personal der FPÖ übernommen. Herbert Kickl, einst FPÖ-Chef, ist nun FBI, Führer des Berittenen Impfordnungsdienstes im Innenministerium. Auf Pferden reitend sucht die Einheit nach migrantisch ausschauenden Personen auf der Straße, um sie zum Schutz der (mittlerweile nicht mehr impfpflichtigen) Urbevölkerung gegen die Omega-Variante von Corona zu impfen.

Österreich leitet das vor zehn Jahren gegründete ACAB, Abendländisch-Christliches Arbeitsbündnis, eine Union, in der sich neben Österreich auch weitere aus der EU ausgetretene Staaten zusammengefunden haben: Ungarn, England (das UK gibt es seit 15 Jahren nicht mehr), Slowakei, Kroatien, Tschechien, Slowenien und Weißrussland. Das ACAB hat die Insel Malta aufgekauft, um dort alle Geflüchteten, die nun politisch korrekt „Angehaltene“ heißen, in einem Großlager bis zu ihrer Rückführung anzuhalten. In jeder Gemeinde der ACAB-Länder gibt es vom Rest der Wohnbezirke abgetrennte Wohnblöcke, und die Nicht-Staatsbürger*innen dürfen ausschließlich in solchen Blöcken wohnen. Der korrekte Name für diese Drittstaatsangehörigen lautet nun „Bündnisfremde“.

Die 25 Kunst- und Kultur-IGs kämpfen weiterhin für Fixkostenzuschüsse an Kunst- und Kulturschaffende, mit dem Argument, dass Kulturarbeit systemrelevant sei – was der Bund der Wirtschaftstreibenden ablehnt. Frauen verdienen zwei Drittel weniger als Männer, wenn sie keine Kinder kriegen. Jede*r Bürger*in muss aktives Mitglied im KGB, Klima-Großbündnis, sein, und Schüler*innen sind als Teil des BÖS, Bund Österreichischer Schüler*innen, dazu verpflichtet, jeden Freitag gegen den Klimawandel am Held*innenplatz zu demonstrieren.

Wir befinden uns also im Jahre 2051 nach Christus. Ganz Österreich ist von einem neoliberalen Autoritarismus besetzt, der sich alle widerständigen Aktivitäten und die korrekte Sprache angeeignet hat. Ganz Österreich? Nein! Eine von unbeugsamen POCs und Gegen-Alliierten bevölkerte Organisation, die Initiative Dekolonisierte heißt (inzwischen ist es nicht mehr politisch korrekt, von „Minderheiten“ zu reden), hört nicht auf, dem postkolonial-neoliberalen Selbstoptimierungszwang Widerstand zu leisten. Ich bin noch immer Vorstandsmitglied dieser Organisation und schreibe eine Kolumne für deren Zeitschrift …

Ich denke, es ist besser, wenn ich nächstes Mal doch darüber berichte, was ich mit 30 so tat. Dann wird auch mein geduldiger dreißigjähriger Kollege vielleicht Gelegenheit bekommen, den einen oder anderen Witz auf meine Kosten zu reißen.

Denn die Zukunft ist wirklich auch nicht mehr das, was sie einmal war.

 

[1] Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr. Erzählungen. München 1984, S. 30.


Die Kolumne “Stimmlage” wurde der aktuellen Ausgabe der STIMME (Nr. 120/2021) entnommen.

Hakan Gürses ist Wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB). Von 1993 bis 2008 war er Chefredakteur der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, von 1997 bis 2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien. Seine Kolumne “Stimmlage” erscheint regelmäßig in der STIMME.

 

 

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