Verbunden mit der Initiative Minderheiten: Bernhard Weidinger, Experte in Sachen Rechtsextremismus

Dieses Mal in unserer Geburtstags-Serie “Verbunden mit der Initiative Minderheiten”: Bernhard Weidinger, Rechtsextremismusforscher am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW).

 Foto: privat, 1991

Was hat Dich rund um das Jahr 1991 politisch bewegt?

1991 war ich neun und weit mehr an Sport interessiert als an Politik. Wenn ich mir rückblickend anschaue, was in diesem Jahr passiert ist, kann ich zumindest einige Bilder dazu assoziieren. Der Zweite Golfkrieg hat mich sehr beunruhigt. Ich erinnere mich an TV-Bilder von nächtlichen Bombardements und von Hamsterkäufen, und wie ich meine Mutter bitte, die Mehl- und Zuckervorräte in der Speisekammer aufzustocken, für alle Fälle. Ich erinnere mich an Boris Jelzin auf einem Panzer und an Haider am Bungeeseil auf der Jauntalbrücke, erstaunlich wenig aber an den Jugoslawienkrieg. Die Transitthematik habe ich mitgekriegt, weil die Autobahn durch meinen Heimatort führt und meine Eltern in dem Bereich engagiert waren. Dass die Italiener sich Ötzi einnähen, fand ich gemein. Noricum und Lucona hab ich mitbekommen, aber nicht verstanden. Für mich klang beides ähnlich und ich unterschied nur in „das mit den Waffen“ und „das mit dem Schiff“.

Wer hat Dich politisch am meisten geprägt?

Ich fühle mich außerstande, hier eine einzelne Person zu nennen. Als früher Einfluss waren natürlich die Eltern wichtig – über sie nahm ich christliche Soziallehre, Befreiungstheologie, ökologisches Bewusstsein und die Ablehnung des NS und seiner Wiedergänger auf. Letzteres wurde dann noch verstärkt durch den Kontakt mit Zeitzeug*innen, die jährlich in unserem LehrerInnenhaushalt zu Gast waren, und durch den Aufstieg der Haider-FPÖ während meiner Schulzeit.

Welche sind für Dich die wichtigsten (minderheiten-)politischen Errungenschaften der vergangenen 15-20 Jahre?

Ich denke, dass in diesem Zeitraum, bei allen Mängeln in der Umsetzung, im Bereich des gesetzlichen Diskriminierungsschutzes doch einiges vorangegangen ist – als Ergebnis minderheitenpolitischen Engagements, aber auch unter dem in dieser Hinsicht zivilisatorischen Einfluss der EU-Mitgliedschaft. Ich denke etwa an das Behindertengleichstellungspaket, die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache, die relative Entkoppelung von Staatsbürgerschaft und Zugang zum kommunalen Wohnbau oder den EU-Rahmen für Roma-Inklusion. In meinem eigenen Arbeitsbereich an die (allzu späte) Anerkennung Homosexueller als NS-Opfer 2005, zwei Jahre nach der – a propos spät – Entkriminalisierung männlicher Homosexualität. In jüngerer Vergangenheit an die sogenannte „Ehe für Alle“, das dritte Geschlecht und die Black Lives Matter-Bewegung, die die Situation sichtbarer Minderheiten nachdrücklich auf die Agenda gesetzt hat.

Was beschäftigt Dich heute am meisten?

Die vielfältigen Krisenerscheinungen, mit denen wir konfrontiert sind. Die auf Abwertung und Ausgrenzungen basierenden Antworten, die die politische Rechte darauf gibt. Und der Erfolg, den sie damit hat.

Was charakterisiert für dich die Initiative Minderheiten? Was möchtest du uns zum Geburtstag mitgeben?

Ich finde großartig, dass die IM sich nicht nur der wichtigen Belange der autochthonen Minderheiten widmet und damit über herkömmliche Volksgruppenpolitik hinauswirkt. Besonders begeistert mich an der IM, seitdem ich sie kenne, der strategische Ansatz der minoritären Allianz: die Idee, dass Minderheiten sich auf der Basis ihres gemeinsamen Interesses an Gleichstellung und gleicher Teilhabe für alle zusammentun und mit vereinten Kräften für diese Ziele kämpfen, anstatt sich gegeneinander ausspielen zu lassen. Bei der Verfolgung dieses Ansatzes wünsche ich ihr weiterhin nur das Beste, vor allem auch die nötige Frustrationstoleranz und die Fähigkeit zum Feiern von Erfolgen, ohne das noch Unerreichte aus den Augen zu verlieren.

 


Bernhard Weidinger ist im Salzburger Lungau aufgewachsen und verließ sein Dorf um die Jahrtausendwende, um in Wien Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung zu studieren. Heute arbeitet er als Rechtsextremismusforscher am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und ist Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU).

 

 

 

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