Wo bleibt die Vernetzung von Frauen mit Behinderungen?

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Österreich weder regional noch bundesweit organisierte und etablierte Interessensvertretungen von Frauen mit Behinderungen. Die UNO hat Österreich dafür bereits heftig kritisiert. Bisherige Versuche sind im Sand verlaufen, aber eine neue Initiative macht Hoffnung, dass behinderten Frauen die Vernetzung auch hierzulande gelingen könnte.

In Deutschland gab es die ersten Schritte einer „behinderten Frauenbewegung“ [1] bereits in den frühen 1980er Jahren, als sich lokal an verschiedenen Orten Frauen mit Behinderungen zu politisch aktiven Gruppen zusammenschlossen. Bald gründeten sie auch regionale Netzwerke, um Kräfte zu bündeln und politisch wirksamer auftreten zu können. Im Jahr 1998 wurde schließlich der Verein Weibernetz e.V. – Bundesnetzwerk von FrauenLesben und Mädchen mit Beeinträchtigung ins Leben gerufen, um die Interessensvertretung bundesweit zu koordinieren und voranzutreiben.

Versuche in Österreich

In Österreich sucht man nach vergleichbaren Strukturen vergeblich, obwohl einige behinderte Frauen auch hier versucht haben, initiativ zu werden. Beispielsweise hatten bereits Mitte der 1990er Jahre behinderte Frauen in Innsbruck den Wunsch, eine Peergroup für behinderte Frauen und eine Plattform für die Anliegen von behinderten Frauen und Mädchen zu schaffen. Von 1998 bis kurz nach der Jahrtausendwende gab es dort die Frauengruppe Le Lunatiche (italienisch für „die Launischen“), die sich für die Gleichstellung und Selbstbestimmung behinderter Frauen einsetzte. Neben der Organisation von Pressekonferenzen, der Teilnahme an Podiumsdiskussionen sowie der Organisation von Selbstverteidigungskursen war den Aktivistinnen vor allem auch die Vernetzung mit regionalen Initiativen der Autonomen Frauenbewegung ein zentrales Anliegen. Die Gruppe zerfiel, als einige Frauen Innsbruck verließen, Kontakte untereinander bestehen aber bis heute, erzählt Karin Flatz, eine der damals beteiligten Frauen. [2]

Es gab auch Bemühungen für ein österreichweites Frauennetzwerk, wie sich Klaudia Karoliny [3] im Interview zur Geschichte der Behindertenbewegung erinnert, doch längerfristig konnte sich keine aktive Struktur etablieren. Karoliny bedauert das Fehlen eines Frauenschwerpunkts bzw. einer Frauenvernetzung in der österreichischen Behindertenbewegung sehr und betont, dass sie das Selbstverständnis der behinderten Frauen in Deutschland in Österreich vermisse. Es gebe hier keine Auseinandersetzung mit der geschlechtlichen Identität, weder bei behinderten Frauen noch bei behinderten Männern. Konkrete Angebote, etwa eine Peer-Gruppe für Frauen mit Behinderungen, scheitern ihrer Erfahrung nach schnell. Karoliny vermutet, dass behinderte Frauen so sehr mit der Bewältigung ihres praktischen Alltags beschäftigt sind, dass für Vernetzung und politische Aktivität weder Zeit noch Energie übrig bleiben. Außerdem äußert sie die Sorge um eine Spaltung in der Behindertenbewegung, die sich diese nicht leisten könne.

Auch Barbara Levc berichtet über die gescheiterten Bemühungen einer behinderten Frau, eine Gruppe für Mütter mit Behinderungen ins Leben zu rufen. Obwohl es viele sehr aktive Frauen in der Selbstbestimmt Leben Bewegung gebe, habe es nie eine eigenständige oder gar feministische Organisation gegeben. Levc beobachtet „bei sehbehinderten und blinden Frauen insgesamt wenig Interesse an feministisch emanzipatorischen Themen. Vermutlich hat dies damit zu tun, dass Frauen mit Behinderung insgesamt vor allem darum kämpfen, als vollwertige Frauen wahrgenommen und akzeptiert zu werden.“ [4]

Dorothea Brozek vermutet, dass sich traditionelle Geschlechterrollen und damit verbundene Machtverhältnisse in der Behindertenbewegung widerspiegeln. Auch sie betont die große Belastung für die Bewältigung des Alltags, die politisches Engagement sehr erschwert.

In Salzburg suchten Gabriele Pöhacker und Teresa Lugstein [5] als behinderte Frauen erfolglos Anschluss bei der „nichtbehinderten“ Frauenbewegung und setzten daher selbst feministische Akzente. Lugstein organisierte z. B. mehrere Konferenzen für Mädchen und junge Frauen mit Behinderungen aus ganz Österreich, um ihnen feministischemanzipatorisches Empowerment zu eröffnen.

Kritik der UNO

Die fehlende Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen wurde im Jahr 2013 vom UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kritisiert. Dieser äußerte Besorgnis „über die mangelnde Wahrnehmung der Interessen von und die mangelnden Unterstützungsstrukturen“ für Frauen mit Behinderungen und ermutigte Österreich, „die Geschlechterperspektive umfassend bei der Gesetzgebung und Politik im Bereich Behinderung einzubeziehen und die Interessensvertretung durch und für Frauen und Mädchen mit Behinderung zu erleichtern.“ [6]

Gesellschaftliche Widerstände

Was könnten Gründe dafür sein, dass Initiativen behinderter Frauen in Österreich bisher so schwer Fuß fassen konnten? Warum ist deren Etablierung im Vergleich zu Deutschland so kläglich gescheitert? Zwei Vermutungen drängen sich auf: Erstens herrscht in Österreich ein im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern immer noch sehr konservatives Rollenverständnis von Frauen. Zweitens trifft ebendies auch auf das gesellschaftliche Bild von Menschen mit Behinderungen zu, das nicht zuletzt dank der alljährlichen Spendenkampagne für „Licht ins Dunkel“ stark von Mitleid und Hilfsbedürftigkeit geprägt ist. Für Geschlechtersensibilität oder gar feministisches Bewusstsein ist da kein Platz. Behinderte Frauen müssen im Alltag gegen beide wirkmächtigen gesellschaftlichen Zuschreibungen ankämpfen und treffen mit ihren Initiativen auf vielfältige gesellschaftliche Widerstände.

Vielleicht ist in der Geschichte der österreichischen Behindertenbewegung aber gerade jetzt der Moment, in dem eine Vernetzung behinderter Frauen langfristig gelingen könnte. Seit dem Frühjahr 2018 gibt es beim österreichischen Behindertenrat ein Kompetenzteam, in dem sich behinderte Frauen vernetzen, gegenseitig stärken und selbstbewusst mit frauenspezifischen politischen Forderungen auftreten. [7]


Fußnoten:

[1] Brigitte Faber/Martina Puschke, vgl. die Website von Weibernetz e.V.

[2] Telefonat mit Karin Flatz am 24.4.2020; vgl. dazu auch: Patrizia Egger (2005): Gleichstellung und Selbstbestimmung müssen für behinderte Frauen gelten. In: Selbstbestimmt Leben Innsbruck (Hg.): 11 ½ – Ein Zwischenbericht. Innsbruck: Selbstbestimmt Leben, S. 18-20.

[3] Die Aussagen von Klaudia Karoliny, Barbara Levc, Dorothea Brozek und Gabriele Pöhacker beziehen sich auf die auf bidok.at veröffentlichten Interviews zur Geschichte der Behindertenbewegung.

[4] Barbara Levc (2015): „Ich zieh dir an, was du nicht siehst!“ Selbstbestimmung in der Darstellungdes Geschlechts bei Mädchen und Frauen mit Blindheit bzw. hochgradiger Sehbehinderung. Erschienen in: AEP Informationen 4/2015, S. 29-33. Wiederveröffentlicht auf bidok.at.

[5] Teresa Lugstein (2015): Mehr Vorbildfrauen, bitte! Persönliche Gedanken und konkrete Strategien für das Empowerment von Mädchen und Frauen mit Behinderungen. In: AEP Informationen 4/2015, S. 6-9. Wiederveröffentlicht auf bidok.at.

[6] Ausschuss der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (2013). Abschließende Bemerkungen zum ersten Bericht Österreichs.

[7] Informationen zum Kompetenzteam Frauen mit Behinderungen auf der Website des Österreichischen Behindertenrats.


Fotos:

Karin Flatz und Magda Simone bei einem Treffen der Innsbrucker Frauengruppe Le Lunatiche Ende der 1990er Jahre | Foto: privat.

Frauen mit Behinderungen melden sich am Internationalen Frauentag 2020 zu Wort | Foto: Behindertenrat / Lukas Ilgner.


Petra Flieger, Mag.a, befasst sich als freie Sozialwissenschaftlerin mit Themen der umfassenden Gleichstellung und Integration von Mädchen und Buben, Männern und Frauen mit Behinderungen. Sie engagiert sich seit über 20 Jahren als Verbündete der Selbstbestimmt Leben Bewegung.

 

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