Verbunden mit der Initiative Minderheiten: der Antirassismusexperte Michael Fanizadeh

Den Menschenrechts- und Antirassismusexperten Michael Fanizadeh haben wir Anfang der 2000er Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen (Widerstand gegen Schwarz/Blau, Ausstellung: Gastarbajteri etc.) kennen- und schätzen gelernt. Für unsere Geburtstagsreihe haben wir ihn um das obligatorische Foto aus den 1990er Jahren gebeten und ihm folgende Fragen gestellt:

Foto: privat

Was hat Dich rund um das Jahr 1991 politisch bewegt?

Spätestens 1991 war ich so richtig in Wien angekommen. Wir haben neuerlich als Basisgruppe die Wahlen zur Studienrichtungsvertretung auf der Politikwissenschaft gewonnen, eine Besetzung des Instituts hinter uns gebracht und gegen die fortschreitende Entdemokratisierung und Hierarchisierung des Studiums protestiert. Anlass waren die Zugangsbeschränkungen zu einem Proseminar, die wir so nicht hinnehmen wollten: Wenn eine Lehrveranstaltung beliebt ist, sollte das Angebot verbessert, der Raum vergrößert und nicht eingeschränkt werden, so haben wir uns das damals gedacht. Neoliberale Logiken, die im Bildungstrieb immer mehr Fuß fassten, wollten wir nicht so einfach akzeptieren. Doch 1993 wurde dann trotzdem unter Wissenschaftsminister Erhard Busek ein neues Universitätsorganisationsgesetz beschlossen, welches die nachhaltige Zerschlagung der studentischen Mitbestimmung und der offenen und demokratischen Universität einleitete.

Weltpoltisch hat uns 1991 vor allem der Zusammenbruch der Sowjetunion beschäftigt. Wir wollten uns von diesem autoritären Projekt des realen Kommunismus abgrenzen und Möglichkeiten für eine undogmatische Politik jenseits von Kader- und Avantgardeparteien entwickeln, daher die Ambivalenz vieler linker Personen meiner Generation zu Fragen von Macht und Parteien. Und dann natürlich der zweite Golfkrieg der USA und ihrer Verbündeten im Irak, der die weitreichende Zerstörung der nach-kolonialen Strukturen im Nahen und Mittleren Osten einläuten sollte, Despoten zu Fall und neue (islamistische) Tyrannen hervorbrachte.

Das „Wir“ war übrigens ein sehr homogenes weißes Hetero-„Wir“. „Sichtbare Minderheiten“ waren an der Uni Wien kaum wahrnehmbar, weder bei den Lehrenden noch bei den Studierenden und auch nicht in unserer Basisgruppe. Diversität und Queerness waren für mich damals in Wien nur an den interessantesten und oft subkulturellen Rändern der Stadt sichtbar und wurden an der Uni, wenn überhaupt, in den wenigen feministischen Lehrveranstaltungen thematisiert. Gerade deshalb war die Gründung der Initiative Minderheiten 1991 so wichtig, auch wenn ich sie erst etwa 10 Jahre später kennen lernen durfte.

Wer hat Dich politisch am meisten geprägt?

Viel Literatur: Der bayrische Schriftseller und libertäre Sozialist Oskar Maria Graf hat mich durch meine Jugend begleitet, rund um 1991 waren es Simone de Beauvoir, Stuart Hall, Elfriede Jelinek, Manès Sperber …

Welche sind für Dich die wichtigsten (minderheiten-)politischen Errungenschaften der vergangenen 30 Jahre?

Wo anfangen? Es ist einiges Positives passiert und dennoch noch so viel zu tun. Im Bereich der Diskriminierung von LGBTIQ+ wurde viel erreicht: Von der Abschaffung des Vereins- und Werbeverbots für Homosexuelle 1996 zur Ehe für gleichgeschlechtliche Paare war es ein langer Weg, ebenso zur Anerkennung von Intergeschlechtlichkeit als Geschlecht. Aber vor allem hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von LGBTIQ+ durch Life Ball, Pride und Co. zumindest in einigen Teilen der Gesellschaft nachhaltig und positiv verändert. Selbst Initiativen gegen Homophobie im Sport, wie sie von meinen fairplay-Kolleg*innen angetrieben werden, sind nicht mehr tabu.

Auf den ersten Blick lässt sich das für das weite Feld von Rassismus in Österreich nicht sagen. Im Gegenteil: der rassistische Diskurs scheint heute konsolidierter denn je – Anti-Schwarzer Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Islamophobie sind Teil des Alltags vieler Menschen in Österreich. Vom strukturellen Rassismus ganz zu schweigen, der das Leben und die Karrieren von rassistisch konnotierten Menschen nach wie vor behindert. Keine Frage wer dafür die Verantwortung trägt, und diese geht weit über die FPÖ hinaus: ein automatisches Staatsbürgerschaftsrecht für in Österreich Geborene gibt es nicht, die Migrationsdebatte wird als Sicherheitsdebatte geführt, alle Menschen mit einer Migrationsgeschichte aus dem Nahen und Mittleren Osten stehen unter Generalverdacht von Terrorismus und Gewalt (gegenüber Frauen), bis heute gibt es keine Entschuldigung für die kollektive Kriminalisierung von Schwarzen Menschen als Drogendealer …

Aber es gibt heute in Österreich auch die Black Lives Matter-Bewegung, die Selbstermächtigung von muslimischen Frauen und Männern, eine starke Roma-Bewegung (inkl. der Anerkennung von Roma und Sinti als Volksgruppe), die Aufarbeitung der Rolle von Österreich und Österreicher*innen im Nationalsozialismus und die Zurückweisung der Opferthese, ein Gesetz zur Rückgabe von staatlichen Kunstwerken, die in der Zeit des Nationalsozialismus gestohlen wurden … Vor allem aber haben die Kämpfe der diversen Communities Österreich nachhaltig verändert. Wer ist „Wir“? Wer spricht für wen? Das wird heute ganz anders und selbstbewusster beantwortet als vor 30 Jahren. Und dass die Frage von Identität mit all ihren Fallstricken überhaupt diskutiert wird ist enorm bedeutsam und hilft die selbstverständliche Homogenität des Landes zu hinterfragen.

Was beschäftigt Dich heute?

Durch meine Arbeit am VIDC habe ich in den vergangenen Jahren viele Afghan*innen in Europa kennen und schätzen gelernt. Daher macht mich die Katastrophe vom Sommer dieses Jahres besonders betroffen. Wie kann die afghanische Community und hier vor allem die Frauenorganisationen sinnvoll unterstützt werden? Einerseits in Europa selbst, aber natürlich auch in Afghanistan und in den Nachbarländern.

Dazu kommen weitere Themen im Bereich von Migration & Entwicklung. 1. Das „Recht nicht gehen zu müssen“: Wie hängen erzwungene Migration und Flucht im Globalen Süden mit der politischen Hegemonie und dem Lebensstil im Globalen Norden zusammen? Diese Frage ist im Kontext klimabedingter Vertreibung besonders bedeutsam. 2. Die Nicht-Förderung von Diaspora-Engagement in Österreich: Warum gibt es immer noch keine und wenn dann nur sehr geringe Fördermöglichleiten für Organisationen und Projekte der neuen Communities aus Afghanistan, Syrien, Somalia … Die Selbstorganisationen von POCs scheint in Österreich für den politischen Mainstream immer noch ziemlich unheimlich zu sein.

Was charakterisiert für Dich die Initiative Minderheiten und was möchtest du uns zum Geburtstag mitgeben?

Näher kennen gelernt habe ich die Initiative Minderheiten im Vorfeld der Ausstellung „Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration“ im Wien Museum. Als Teil des Beirats durfte ich ab den frühen 2000er Jahren helfen, die Konzeptionierung der Ausstellung auf den Weg zu bringen. Wobei ich fürchte, viel mehr von den Diskussionen profitiert zu haben als umgekehrt. Mir hat sich durch das Kennenlernen von Expert*innen aus den Communities ein völlig neuer Kontinent in Wien eröffnet. Dafür bin ich der Initiative Minderheiten wie auch für viele weitere Initiativen sehr, sehr dankbar. Weiter so!

 


Michael Fanizadeh ist Referent am Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation – VIDC und zuständig für die Themen Migration & Entwicklung, Menschenrechte und Antidiskriminierung mit einem regionalen Fokus auf den Nahen und Mittleren Osten. Von 1997 bis 2008 war er als Koordinator des antirassistischen Sportprojekts fairplay sowie des europäischen Netzwerks Football Against Racism in Europe – FARE tätig. In den vergangenen Jahren entwickelte er am VIDC in Zusammenarbeit mit afghanischen Expert*innen einen Schwerpunkt zu den sozialen und politischen Entwicklungen in Afghanistan. Er ist zudem Leiter der Arbeitsgruppe Migration und Entwicklung in der AG Globale Verantwortung, dem Dachverband entwicklungspolitischer und humanitärer NGOs in Österreich.

 

 

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