Verbunden mit der Initiative Minderheiten: Kurt Krickler, langjähriger LSBT-Aktivist

Anlässlich unseres 30-jährigen Geburtstags haben wir Weggefährt*innen einige Fragen gestellt. Heute hat Vida Bakondy bei Kurt Krickler, einem langjährigen Freund und STIMME-Autor, nachgefragt.

1991 war ich seit über zehn Jahren in der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien aktiv. Wir kämpften damals immer noch gegen die starre Haltung der ÖVP, die die Aufhebung der anti-homosexuellen Strafrechtsbestimmungen und die Umsetzung sämtlicher sonstiger Forderungen vehement blockierte. Ich war auch im Kampf gegen AIDS engagiert, arbeitete seit sechs Jahren in der von mir mit aufgebauten Österreichischen AIDS-Hilfe. Viele Freunde starben in jenen Jahren. Mich hat die Aufbruchsstimmung der Kreisky-Ära am meisten geprägt. Es ging nicht nur um gesellschaftspolitische Emanzipation, sondern vor allem auch um soziale Gerechtigkeit. Die größten Errungenschaften waren für mich natürlich die lesben- und schwulenpolitischen. Nach jahrzehntelangem hartnäckigem Kampf haben wir schließlich mehr oder weniger alle wichtigen Forderungen durchgesetzt: Strafrechtsreform, Anerkennung der homosexuellen NS-Opfer, eingetragene Partnerschaft, Ehe-Öffnung und Antidiskriminierungsschutz – zumindest in der Arbeitswelt. Es fehlt eigentlich nur noch das Levelling-up, also die Ausweitung des Diskriminierungsschutzes.

Darüber hinaus ist wohl nicht zu leugnen, dass zivilgesellschaftliche Anliegen und die Forderungen von Minderheiten heute generell mehr Aufmerksamkeit und Beachtung finden als vor 30 Jahren. Die jahrzehntelange Bewusstseinsarbeit in allen Bereichen hat zweifellos ebenfalls Früchte getragen. Was mich heute beschäftigt, ist die Gefahr des Backlash. Ein solcher droht nicht nur durch Politik und Gesellschaft, sondern auch aus den Initiativen selbst. Statt bewegungsübergreifender Allianzenbildung wie früher dominiert immer mehr Identitätspolitik, die ich für eine sterile Sackgasse halte. Letztlich ist immer die soziale Frage entscheidend. „Klassismus“ steht über allen anderen „-ismen“.

Bezeichnend für diese bedenklichen Entwicklungen finde ich, dass heute etwa ein quasi angeborenes „soziales Geschlecht“ postuliert wird. Es ist für mich unfassbar, dass nach 100 Jahren Feminismus heute immer noch bzw. wieder – diesmal ausgerechnet unter dem Label „queer-feministisch“ – definiert wird, was typisch weibliche Verhaltensweisen oder typisch männliche Eigenschaften sind. Wir sollten doch längst gelernt haben, dass das alles bloß mittels Tradition und Konvention antrainierte Rollenklischees sind. Zuletzt haben doch nur noch religiöse Fundamentalisten oder Erzkonservative bestimmte Geschlechterrollen als gottgewollt oder zumindest naturgegeben betrachtet. Ich halte diese Thesen daher für reaktionären Schmarrn und lehne es z. B. ab, mich als Cis-Mann zu definieren. Es gibt für mich nur ein mögliches soziales Geschlecht, und das ist mensch.

Was charakterisiert für dich die Initiative Minderheiten? Was möchtest du uns zum Geburtstag mitgeben?

Für mich zeichnet sich die Initiative Minderheiten durch die erwähnte breite bewegungsübergreifende Zusammenarbeit aus. Das ist auch der Ansatz der HOSI Wien von Anfang an gewesen. Der Kampf für eine bessere Welt kann nur gemeinsam mit anderen Bewegungen erfolgreich sein, und oberste Maxime und Priorität sollte dabei immer die soziale Gerechtigkeit sein. Die IM möchte ich daher zum runden Jubiläum darin bestärken, weiterhin breite Bündnisse zu schließen und als Forum, Plattform und Marktplatz für zivilgesellschaftliches Engagement, Austausch, Kooperation und den gemeinsamen Kampf zu dienen.


Kurt Krickler, Jg. 1959, Übersetzer, Journalist, war 39 Jahre ehrenamtlich in vielen Funktionen in der österreichischen und internationalen LSBT-Bewegung tätig. Seit 2019 bloggt er auf seiner Website HOMOPOLITICUS, die vor allem auch als Archiv und Informationsquelle nutzbar ist.

 

 

 

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